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Der Hathor-Tempel von Dendera

Er gehört zu den prächtigsten Tempeln Ägyptens: der Tempel der Göttin Hathor in Dendera. Rund 50 Kilometer nördlich von Luxor erhebt sich dieses ptolemäische Heiligtum über dem Fruchtland des Niltales. Wie Philae, Edfu, Esna und Kom Ombo repräsentiert der Tempel die prächtige Endphase der Kultur des pharaonischen Ägypten vor rund zweitausend Jahren.

Der Hathor-Tempel von Dendera (Dendara, griechisch: Tentyra) gehört zu den Highlights der Tempel aus dem Alten Ägypten. Das Besondere der späten Tempel wie in Philae, Edfu und Esna sowie auch in Dendera, ist der gute Erhaltungszustand und das noch vorhandene Dach, das dem Heiligtum die Eigenschaften einer Kathedrale verleiht: ein Spiel mit Licht und Schatten. Der Weg vom Hof durch die Säulenhallen bis zum Allerheiligsten ist ein gradueller Marsch vom Sonnenlicht zur Dunkelheit des Mysteriums.

Die Anlage liegt rund 50 Kilometer nördlich von Luxor am sogenannten Qena-Bogen. Das ist eine Landschaft bei der oberägyptischen Stadt Qena, wo der Nil einen großen Bogen nach Osten schlägt. Diese Biegung des Nil hat zur Folge, dass der Tempel nicht wie die meisten anderen Tempel Altägyptens in Ost-West-Richtung ausgerichtet ist, sondern in Nord-Süd-Richtung. Tatsächlich teilte der Nil im Glauben der Ägypten Westen von Osten, und bei Qena ist diese Richtung um 90 Grad verschoben. Es gab also einen Unterschied zwischen dem kultischen Westen und Osten und dem geographischen Westen und Osten.

Obwohl an der Stelle schon zahlreiche ältere Heiligtümer standen, stammt der überwiegende Teil der Bauten von Dendera aus der ptolemäischen und römischen Epoche. Die Farben der Wanddekorationen lassen sich noch gut erkennen. Wer sich allerdings die Gemälde und Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert anschaut, wird erkennen, dass vor rund hundert Jahren der Tempel nahezu noch in voller Farbenpracht erstrahlte.

Die im alten Dendera verehrte Göttertriade (Götterdreiheit, göttliche Familie aus Gott, Göttin und Götterkind) war folgende: Hathor war die Hauptgottheit, ihr Gemahl war der Gott Horus, und das gemeinsame Götterkind war der Knabe Ihi. Hathor gehört zu den wichtigsten Gottheiten der ägyptischen Religion. Auf den Wandbildern des Tempels (und auch sonst) wird sie entweder als Frau mit Kuhhörnern und Sonnenscheibe oder als Kuh dargestellt. Auch wenn ihre Charakteristika und Aufgaben vielschichtig waren, so galt sie vor allem als Göttin der Liebe und der Freude. In der klassischen Antike erkannte man in ihr das Pendant zur Aphrodite beziehungsweise Venus. Ihr Name „Hathor“ bedeutet so viel wie „Haus des Horus“.

Wie alle großen Tempel war auch der Tempelkomplex von Dendera mit einer großen Mauer umgeben, um die unterschiedlichen Gebäude zu einer Einheit zusammenzuführen und als sakralen Bezirk von der profanen Außenwelt abzugrenzen. Die wenigen Überreste der Umwallung von Dendera zeigen, dass der Tempelkomplex eine Fläche von ungefähr 291 mal 280 Meter hatte.

Besichtigung der Anlage

Man betritt den Tempelbezirk von Norden. Das Eingangstor stammt aus römischer Zeit. Dahinter folgt der Tempelvorplatz. Westlich, d.h. rechts vom Eintretenden aus gesehen, befinden sich die Ruinen eines Kultgebäudes, dass als Mammisi bezeichnet wird. Es handelt sich um das typische Geburtshaus, in welchem die Geburt des Götterkindes zelebriert wurde – ähnlich der Grippe unserer Weihnachtssymbolik, in welcher Jesus geboren worden sein soll. Daneben stehen die Ruinen einer alten koptischen Kirche.

Geradeaus sieht man die imposanten Ruinen des Hathor-Tempels. Im Folgenden seien zunächst die Gebäude des eigentlichen Hathor-Tempels beschrieben. Anschließend wenden wir uns den Nebengebäuden zu.

Der große Hathor-Tempel von Dendera

Das Hauptgebäude des Hathor-Tempels misst ungefähr 35 mal 81 Meter. Die vorderen Teile des Bauwerks stammen aus römischer Zeit. Die hinteren Bereiche wurden in ptolemäischer Zeit errichtet.

Die Front des Gebäudes wird von drei Säulen beiderseits des Eingangs dominiert. Die Säulen sind mit Hathor-Kapitellen bekrönt. Das Gesicht der Göttin Hathor schaut jeweils in alle vier Himmelsrichtungen. Die Zwischenräume zwischen den Säulen sind zur Hälfte von Mauern geschlossen. Die Friese aus Uräus-Schlangen zieren die Mauerabschnitte. Am Dach hat das Gesims die typisch ägyptische Form der sogenannten Hohlkehle. In der Vorhalle selbst stehen weitere 18 Säulen, die zusammen mit den sechs vorderen das Dach tragen.

Errichtet wurde die Vorhalle unter Kaiser Tiberius. Die ägyptischen Reliefdarstellungen zeigen außerdem die römischen Kaiser Augustus, Caligula, Claudius und Nero im Ornat der Pharaonen. Tatsächlich wurden die römischen Kaiser wie Pharaonen gefeiert und als wichtige Persönlichkeiten des Opferkultes angesehen. Daher sieht man dargestellt, wie die römischen Kaiser in der Manier der Pharaonen den ägyptischen Gottheiten Opfer darreichen.

Die Decke der Vorhalle ist mit astronomischen Darstellungen geschmückt. Man erkennt die kosmischen Zyklen die Mond- und Sonnenphasen sowie die Sternbilder.

Hinter der Vorhalle aus römischer Zeit folgt der Tempelbereich aus ptolemäischer Zeit. Zunächst gelangt man in eine kleine Halle, deren Dach von sechs Säulen getragen wird und von dem drei kleine Kulträume abzweigen.

Anschließend kommt man durch einen Quersaal in den ersten Raum des Allerheiligsten mit dem Naos. Hier waren einst die Kultbarken der Hathor aufgestellt, mit denen die Statue der Göttin ihre zeremoniellen Festumzüge unternahm.

Das Allerheiligste wird von einem schmalen Gang umrundet, von dem viele kleine Kultkapellen, Räume und Krypten für Nebenkulte abzweigen. Auf der Tempelachse befindet sich direkt hinter dem Naos ein zweites Allerheiligstes. Hier wurde die zentrale Kultstatue der Hathor aufbewahrt, in der die Seele der Göttin während des Kultes einwohnen konnte.

Durch das noch vorhandene Dach ist viel der alten dunklen Atmosphäre der Räume erhalten. Früher waren die Räume nur durch die Lichtschlitze und mit Öllampen erhellt. Heute sorgen elektrische Leuchtröhren dafür, dass die Touristen auch im Innern die zahlreichen prächtigen Reliefs mit ihren Opferkultdarstellungen bewundern können.

Vom ersten Quersaal zweigen zwei Gänge ab, die über Treppen schließlich zum Dach des Tempels führen. Von dort aus hat mein einen guten Ausblick auf das umliegende Gelände. Die Dachterrasse hat ihre eigenen kleinen Heiligtümer. Ein Säulenkiosk mit zwölf Hathor-Säulen befindet sich in der Südwestecke der Dachterrasse. In der Nord-West-Ecke und in der Nord-Ost-Ecke stehen zwei kleine Kapellen für Osiris mit jeweils drei Räumen. In einer dieser Kapellen wurde eine Darstellung des astronomischen Tierkreises gefunden, die sich heute im Pariser Louvre befindet. Vorort hat man für die Touristen einen Gipsabdruck als Ersatz platziert.

Der kleine Geburts-Tempel der Isis von Dendera

Neben dem Tempel der Hathor gibt es auf dem Gelände noch weitere Heiligtümer. Südlich des Hathor-Tempels befinden sich die Ruinen des Tempels der Isis von Dendera. Das kleine Heiligtum hat zwei Kultachsen. Die eine besteht aus zwei Räumen mit jeweils vier Säulen: einen Quer-Raum und einen quadratischen Kult-Raum, die man von Osten betritt. Dahinter befinden sich weitere Kulträume, die man von Norden betritt. Das Allerheiligste ist in drei nebeneinander errichten Kapellen aufgeteilt.

Das Mammisi – Das Geburtsheiligtum aus römischer Zeit

Wie bereits obig angedeutet, befindet sich direkt hinter dem Haupttor des Tempelkomplexes auf der westlichen Seite das Mammisi, das Geburtsheiligtum. Es stammt aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Es diente als Barkenstation bei der Festprozession und als Ritualort, um die Geburt des Götterkindes Ihi zu feiern. Das Geburtshaus besteht aus einem kleinen Vorplatz, einem Vorraum, der von Säulen begrenzt ist und schließlich dem Sanktuarium, das man durch einen vorgelagerten Quer-Raum betritt. Die Reliefs an den Wänden erzählen von der Geburt und der Kindheit des Götterkindes.

Der Heilige See von Dendera

Wie in jedem großen ägyptischen Tempelbezirk, gab es auch in Dendera einen Heiligen See für die kultische Reinigung. In Dendera besteht er aus einem poolartigen 25 mal 21 Meter großem Wasserbecken. An allen Seiten führen Treppen hinunter ans Wasser. Heute ist der See leer. Auf seinem Grunde wachsen Palmen. Alte Brunnenanlagen nördlich des Sees dienten einst der Trinkwasserversorgung der Priester.

Kleines Mammisi aus der Spätzeit und ptolemäischen Zeit

Vor der römischen Zeit wurden die Riten der Geburt des Götterkindes in einem älteren Bau vollzogen, dessen Reste auf der anderen Seite der koptischen Kirche liegen. Dieses Mammisi wurde in der Regierungszeit des Pharao Nektanebos im 4. Jahrhundert v. Chr. errichtet und in ptolemäischer Zeit ausgebaut. Leider ist der vordere Teil stark zerstört. Die erhalten Reliefs im hinteren Bereich erzählen auch hier von der Geburt des Götterkindes Ihi.

Koptische Kirche aus dem 5. Jahrhundert

Zwischen beiden Mammisi stehen die Ruinen einer koptischen Kirche aus der Spätantike. Sie hat wie die beiden Geburtshäuser eine west-östliche Ausrichtung. Zwei kleine Eingänge befinden sich am hinteren Ende der Nord- und Südmauer. Die Kirche besteht aus einer schmalen Vorhalle, einer dreischiffigen Haupthalle und dem Sanktuarium am Ostende der Kirche.

Kleines Heiligtum aus dem Mittleren Reich

Ein Beleg für das Alter der Kultortes von Dendera sind die Gebäudereste einer Kapelle von Pharao Mentuhotep II. Nebhepetre aus dem frühen Mittleren Reich (um 2000 v. Chr.). Der Naos der Kapelle steht heute im Kairoer Museum.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg

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